Fotokritik

Genesis

Posted in Uncategorized by JS on November 11, 2008

Es gibt – glaube ich – nur sehr wenige Bücher (Bilder, Filme, Musikstücke…), die einen dauerhaften Eindruck hinterlassen, die einen nachhaltigen Einfluß auf unsere Wahrnehmung ausüben, die sozusagen als kulturelle Ur-Meter im fest verdrahteten Teil des Gehirns abgelegt und entsprechend in Ehren gehalten werden. Es sind dies für jeden von uns andere, obwohl manche selbstverständlich zeit- und generationsspezifisch öfter genannt werden dürften. Wenn etwa heute sechzig Jahre alte Fotografen das Buch von Robert Frank nennen, ist das keine große Überraschung – die Energie des ersten Zusammenpralls muß seinerzeit gewaltig gewesen sein. Die meisten dieser Begegnungen ereignen sich notwendigerweise im jugendlichen Alter, eben solange die Entwicklung des Gehirns noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Wir beginnen zu lesen und zu schauen, sind irritiert, und plötzlich stehen alle Ampeln auf Gelb. Danach ist nichts mehr wie es war, auch wenn wir aus pragmatischen Erwägungen häufig bei Rot halten und bei Grün gehen.
Das erste Kunstbuch, das mir gelbe Ampeln schenkte, war Werner Haftmanns Malerei im 20. Jahrhundert, eine für die Zeit und Generation wahrscheinlich eher untypische Wahl. Es war mein erstes Kunstbuch überhaupt. Ein überraschender Sommerregen hatte mich bei einem meiner ersten Besuche in der großen Stadt ins Foyer des Kunstmuseum getrieben. Das Eintrittsgeld wollte ich sparen und deswegen betrat ich zunächst die kleine Buchhandlung. Weitere, vielleicht entscheidende Details der folgenden Minuten sind im Dunkel unerforschter Gehirnspalten verschwunden. Als ich die Buchhandlung verließ, war ich stolzer Besitzer des zweiten Bandes von Haftmanns Werk, einer „Bild-Enzyklopädie mit 1011 Abbildungen, davon 50 ganzseitigen Farbtafeln“ und wenig Text. Um den ersten Band von Haftmanns Buch (wenige Bilder, viel Text) habe ich mich bis heute nicht gekümmert.
Das Museum verließ ich an diesem Tag als einer der letzten Besucher, denn nachdem ich im Foyer sitzend, im Buch blätternd, das Ende des Regens ignorierend die Welt vergessen hatte, war ich für alles andere verloren, hoffnungslos verknallt. Die Ausstellung besuchte ich selbstverständlich auch noch, verwirrt, verschüchtert, verwundert, hingerissen. An die meisten Bilder und Skulpturen habe ich nur vage Erinnerungen, doch war ich beim ersten Zusammentreffen mit Andy Warhol zu dem Entschluß gekommen, Künstler werden zu wollen. Ich war mir sicher, daß dies für meine Eltern eine noch schrecklichere Vorstellung sein müßte als die (völlig unbegründete) Angst, ich könnte Nachbars Tochter schwängern.
Haftmanns Buch habe ich tage-, wochen-, ach was, monatelang nicht aus der Hand gelegt. Ich sog die Bilder auf wie Massageöl und verschwendete keinen Gedanken an den Unterschied zwischen Original und Reproduktion (deren Qualität man in diesem Fall nach heutigen Standards eher bescheiden nennen würde). Am Ende eines verregneten Sommers war ich als Sechzehnjähriger in der Lage, nahezu jedes Bild von Cezanne bis Hundertwasser zweifelsfrei zu identifizieren. Und noch heute erlebe ich zuweilen, daß ich beim ersten Besuch in einem Museum ein nie zuvor im Original gesehenes Bild wie einen alten Bekannten begrüße. Dich kannte ich schon, als Du noch so klein warst und in Schwarz-Weiß.
Es war dies eine folgenreiche Begegnung. Ich weiß zwar bis heute nicht, ob Werner Haftmann Interessantes über Bilder zu sagen hat, da ich seine Texte nicht gelesen habe, doch bin ich sicher, daß seine Kompilation von Gemälden mein Interesse an Bildern wesentlich beförderte. Die erste Infusion schrie nach mehr. Bei jedem folgenden Besuch in der großen Stadt deckte ich mich mit Lektüre ein, und ich möchte an dieser Stelle gestehen, daß mein äußerst schmales Budget nicht gestattete, alle Bücher käuflich zu erwerben. Markus Schaden möge hier bedenken, daß selbst in härteren Regionen die Unsitte, Dieben eine Hand abzuhacken, auf Bücherdiebe nicht angewandt wird, da diese ja im Interesse eines höheren Ideals tätig werden. Es gibt also so etwas wie kulturellen Mundraub.
Von einem dieser Versorgungszüge kehrte ich mit einem angestaubten und entsprechend billig verhökerten Exemplar eines höchst eigentümlichen Taschenbuchs aus der Grabbelkiste eines Antiquars zurück: Das Medium ist Massage von Marshall McLuhan und Quentin Fiore (ja, ihr Klugscheißer, es heißt wirklich Massage und nicht Message). Kaum hatte ich in diesem Buch zu lesen begonnen, als die Ampelschaltung völlig verrückt zu spielen begann. Scheinbar wahllos schienen die Farben zu wechseln, rot, grün, bescheuert, genial, unverständlich, ach so, grün, nein, grün, ja, rot, gelb, und irgendwann bald nur noch heftig blinkend gelb. Ich tauchte ein ins Universum McLuhans.
Es ist, wie wenn man einer Frau begegnet und ohne weitere Umstände intim wird. Das passiert ja auch nicht so häufig, und mit „Liebe auf den ersten Blick“ wäre es ganz falsch beschrieben. Wir dürfen hier nur an Kopulation denken. Das neu Angekommene paart sich unterschiedslos mit allem, was seine Bahn kreuzt. Es wird in diesem Akt vielleicht mehr Leidenschaft freigesetzt als in der Liebe eines Lebens. Und entsteht bei solch einer Orgie Nachwuchs, wird dieser umgehend damit betraut, die zentrale Ampelanlage zu steuern. Daß es danach in unseren Schädeln manchmal zugeht wie bei einem Besäufnis im Kinderzimmer, ist hinzunehmen.
Scheinbar paradox belegt McLuhans Buch als Buch die sich selbst erfüllende Prophezeiung seines Autors, daß das elektronische Zeitalter für immer unsere Vorstellung dessen zerstören werde, was ein Buch sei. Zu gleichem Teil gebührt die Ehre jedoch dem völlig zu Recht als Mitautor genannten und trotzdem meist vernachlässigten Gestalter des Buches. Mit welchem Witz und welcher Chuzpe Quentin Fiore diesem Konglomerat aus McLuhans Text, Fotos, Karikaturen und typografischen Versatzstücken Gestalt verlieh, ist atemberaubend (oder sagen wir: war. Denn selbstverständlich fordern fast vierzig Jahre mediale Praxis, die seit dem Erstdruck vergingen, ihren Tribut.)
Dieses erhellende, verblüffende, riskante Vermählen von Bildern und Texten hat mich am meisten fasziniert. Hier schreibt jemand nicht nur und er schreibt auch nicht über Bilder, sondern mit Bildern. Das machte ihn bei vielen Vor- und Nachbetern des akademischen Betriebs suspekt und zuweilen gar verhaßt. Seinem Verzicht auf jede abgesegnete Methodik verdankt er jedoch ein anderes Publikum: meinesgleichen. Ich bin interessiert an Wissen, doch allergisch gegen Wissenschaft, beim Kontakt mit Fußnoten kriege ich Ausschlag. Mit der Lektüre empfohlener Bücher warte ich (meist vergeblich), bis eine Übersetzung aus dem Akademischen ins Deutsche vorliegt. McLuhan und Fiore verstehe ich auch ohne Übersetzung, und wenn sogar Leute wie ich das verstehen, muß es doch gut sein. Man kann das Buch an fast jeder Stelle aufschlagen und zu lesen beginnen, man kann das Buch auch von hinten nach vorne lesen, ohne daß dabei nennenswerte Verluste zu beklagen wären. Bei manchen Filmen von Alexander Kluge ist das so ähnlich. Es ist kein Debakel, wenn der Vorführer die Rollen vertauscht. Ein guter Film hält das aus.
Die spielerische Kombination der Elemente schafft eine fröhliche Grundstimmung in The Medium is the Massage. Das funktioniert – als Resultat einer höchst unkonventionellen Methode–, obwohl es um nichts Geringeres geht als um eine grundlegende Umwälzung unserer Kultur. Die Verknüpfung von Bild und Text funktioniert ganz ähnlich auch in Krieg und Frieden im globalen Dorf, nur daß dort eine zusätzliche Komponente hinzutritt: In einer durchlaufenden Marginalienspalte wird nicht nur der Text mit Zwischentiteln strukturiert und kommentiert, es werden ihm auch assoziativ Zitate unterschiedlichster Provenienz beigestellt, es wird an dieser Stelle das Spannungsverhältnis von Text und Bild durch kurze Bemerkungen akzentuiert, und es werden unentwegt verblüffend kurze Zitate aus Finnegans Wake als durchgängiger Meta-Kommentar beigestellt. Vielleicht ist dies die Geburtsstunde von Hypertext, doch genauso bemerkenswert scheint mir, daß hier die Kunst in ihr Recht gesetzt wird. Joyce kommentiert und wird nicht kommentiert. So soll es sein. Und es hat gar nichts mit dem bemühten und heute so modisch gewordenen Dialog von Kunst und Wissenschaft zu tun.
McLuhan hat mich in jungen Jahren gründlich durchmassiert. Als Vademecum sind seine Bücher kaum geeignet und trotzdem verlassen sie mich nie. Sie halten wach. Gelegentlich finde ich am frühen Morgen auf meinem Schreibtisch kryptische Notizen in eigener Handschrift, die auf McLuhaneske Kopulationen in der vergangenen Nacht zurückzuführen sind. Es gelingt mir nur selten, etwas aus ihnen zu entwickeln, das wenigstens mir selbst verständlich wäre, und so finden sie die Gnade der beschleunigten Entropie. McLuhan brauchte wahrscheinlich nicht so einen großen Papierkorb. Auch wenn mir das nicht unentwegt bewußt ist, spielt die Tatsache, daß etwas McLuhan (und Fiore!) in meinem Gehirn an prominenter Stelle gespeichert ist, bei jeder medialen Begegnung eine Rolle.
So stieß ich beispielsweise bei der Lektüre meiner Tageszeitung vor einigen Monaten auf ein kleines Foto, das zunächst wegen seiner ungewöhnlichen Komposition auffällt. Man glaubt im ersten Augenblick, es sei versehentlich um 90 oder 180 Grad gedreht worden, doch nach kurzer Zeit haben wir die Sache halbwegs eingenordet. Der mit den Foto veröffentlichte Artikel teilte uns mit, daß die Bremsfallschirme einer Sonde, die jahrelang durchs All flitzte und dabei tadellos genau das tat, was man von ihr erwartete, versagten, so daß wegen eines mickrigen kleinen Fehlerchens auf dem allerletzten Stück der langen Reise einmalige, furchtbar empfindliche und für das Verständnis der Entstehung des Universums offenbar höchst bedeutsame Staubpartikel von ganz ganz weit weg ungebremst in den Erdboden rauschten. Der Name der Sonde war Genesis.
Das Foto, das meine erste Aufmerksamkeit auf sich zog, ist das prägnanteste aus einer kleinen Serie von Bildern und zeigt einen der mit der Bergung der Sonde in der Wüste von Utah beschäftigten Spezialisten, der das unverstandene Elend zunächst einmal fotografiert (und dabei von einem anderen fotografiert wird) – Susan Sontag hat zu ähnlichen Situationen Treffliches angemerkt. Im Lauf der folgenden Tage tauchten weitere Fotos auf, eine an einen James-Bond-Film erinnernde, in flirrender Hitze aufgenommene Szenerie mit in der Wüste geparkten Hubschraubern, aber auch die von einem Satelliten aus großer Höhe fotografierte Absturzstelle. Exakt im Zentrum des Bilds sehen wir ein kleines schwarzes Loch, in dem diese mit gigantischem technischem Aufwand im Interesse der letzten Erkenntnis aus dem All geholten Proben verschwanden. Ich glaube, McLuhan hätte aus diesem entfernten Echo des Urknalls einen Funken schlagen können.

Joachim Schmid
Februar 2005

* * *

Dieser Text findet sich zusammen mit dem erwähnten Foto und einer Ausgabe von Marshall McLuhans The Medium is the Massage in einer Kassette, die für die Ausstellung Marks of Honour – A Striking Library in einer Auflage von 5 Exemplaren erstellt wurde.

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