Fotokritik

Bilderberg und Bilderbuch

Posted in Uncategorized by Joachim Schmid on Juni 5, 2019

Dass Fotografie ein Massenphänomen und ihre Massenhaftigkeit eines ihrer wesentlichen Merkmale ist, gehört seit fast einem Jahrhundert zum Grundwissen der Fotokritik. Zu dem Zeitpunkt, als die Beobachtung erstmals formuliert wurde, hatte noch niemand auch nur den Hauch einer Ahnung von den Massen, mit denen wir es heute zu tun haben. Der Bilderberg wächst exponentiell, und jede halbwegs verlässliche Aussage über die Anzahl der jährlich veröffentlichten Fotos ist nach kurzer Zeit hoffnungslos veraltet. Waren früher noch Fotografen am Werk, kann man jetzt fast sagen „es fotografiert“, so etwa wie es regnet. Es fotografiert immer und überall.

Der in Jahrzehnten kollektiven Schaffens angehäufte Bilderberg ist nicht nur Archiv für alles, in dem unzählige Varianten von Abbildern lagern, sondern so massiver Teil der Lebenswirklichkeit, dass er das Abgebildete längst überlagert. Mit Stichproben aus diesem Berg, der mir die Sicht versperrt, beschäftige ich mich seit langem. Manchmal frage ich mich, wie es dazu kam.

Ich war aufgewachsen im bleiernen Westdeutschland, nachhaltig verstört vom beginnenden Erkennen der Welt, abgefüllt mit grausigen Bildern aus Vietnam, linksradikal und fasziniert von Andy Warhol, dem kapitalistischen Künstler par excellence. Die ersten Emanzipationskämpfe wurden auf meinem Kopf ausgetragen, die Niederlagen wurden von den beim Friseur ausliegenden illustrierten Zeitschriften gemildert. Das säkular-calvinistische Milieu war ansonsten eher bilderlos. Die Sache mit dem Friseur war bald erledigt, die Bilder blieben.

Schon in meinen ersten, politisch motivierten und glücklicherweise nie veröffentlichten Arbeiten bediente ich mich aus diesen Fundus. Der Grund war nicht nur zeichnerisches Unvermögen, sondern ein unbestimmtes Gefühl, dass die Welthaltigkeit dieses Materials eine so direkte Verbindung mit der Aussenwelt herstellt, wie das mit anderen Mitteln wohl kaum möglich ist. Auch dass meiner Verarbeitung schon mindestens eine Stufe der Verarbeitung vorausgegangen war, war und ist meinen Zwecken dienlich, denn so wird die Reflektion der Welt immer auch eine Reflektion der Medien, mit deren Hilfe wir Welt zur Kenntnis nehmen.

Im Lauf der Jahrzehnte versammelte ich eine Menge Fotos aus den unterschiedlichsten Quellen. Dies als Sammlung zu bezeichnen, ist allerdings nicht ganz korrekt, denn das Zusammentragen folgt ja keinem klar umrissenen Konzept. Ich sehe zwar etwas Verbindendes, aber es fällt schwer, das zu beschreiben – die Bilder wären vermutlich obsolet, wenn es anders wäre. Das Problem des Bezeichnens wird beim Übersetzen offensichtlich. To collect bezeichnet im Englischen das Sammeln von Kunstwerken, Briefmarken und anderen Kostbarkeiten, auch das wissenschaftliche Sammeln, während to gather das Sammeln von Beeren oder Pilzen meint. Der Sammler als enger Verwandter des Jägers sucht Dinge für den eigenen Konsum, und das trifft auch auf meine Bildersammlung zu. Ich möchte die ausgewählten Objekte weder besitzen noch katalogisieren, sondern sie nutzen, in meinem Werk verschlucken, verdauen und wieder loswerden.

Der Hunger meiner Augen ist gewaltig und meine Vorlieben verändern sich immer wieder. Knipserfotos und Postkarten habe ich in großen Mengen konsumiert, daneben gab und gibt es Allerlei. Aus Zeitungen, Zeitschriften und Büchern ausgeschnittene Fotos sind zu einem Teil projektbezogen sortiert und zu einem Teil nicht sortierbar. Dieses Konvolut bildet die Grundlage meines Bilderbuchs. Es sind Fotos, oder eher Teile von Drucksachen, die mich zu einem Zeitpunkt besonders interessierten, aus welchem Grund auch immer, aufgehoben ohne einen besonderen Zweck im Sinn. Jedes hat eine spezifische Qualität, und es ist dies nicht nur eine fotografische. Im gleichen Maße wie die ursprünglichen Bilder interessieren mich die Spuren ihrer industriellen Verwurstung. Themen hingegen interessieren mich nicht.

So war auch die DDR – zumindest in Bezug auf meine Arbeit – nicht von Interesse. Die DDR war einfach da, wie der Baum vor dem Haus oder der Mond am Himmel. Die DDR war da, als ich zur Welt kam, und ich zweifelte nicht, dass sie auch da sein würde, wenn ich die Welt verlasse. Der Mond wird ja auch noch da sein. In meiner Sammlung sind Fotos des Monds und Fotos, die auf dem Mond entstanden. Mit Fotos aus der DDR ist es nicht anders. Sie sind da, ohne irgendeinen Sonderstatus. Die DDR war fast so weit entfernt wie der Mond, und das änderte sich auch nicht, als ich von Westdeutschland nach Berlin zog. Ich kam dem Land etwas näher, aber ein inniges Verhältnis entwickelte sich so wenig wie zum Mond. Gelegentlich lieferte mir die polygrafische Industrie der DDR ein Foto, so wie mir die NASA, die italienische Postkartenindustrie oder die West-Berliner Boulevardpresse Fotos lieferten.

Aus diesem heterogenen Konvolut stelle ich Bildfolgen und Bildfelder zusammen, die assoziativ einer rein visuellen Logik folgen. Die Bilder sind markante Punkte der Routen, die ich beim Besteigen des Bilderbergs ausprobierte. Im kommentarlosen Zusammenstellen erblüht die Mehrdeutigkeit der Bilder. Ihre Summe ist so etwas wie eine fragmentarische Autobiografie in öffentlichen Bildern, ein Blick in die persönlich gesiebte fotografische Umgebung meiner Lebenszeit.

Joachim Schmid
Januar 2019

Für den Katalog der Ausstellung Von Ferne. Bilder zur DDR (Museum Villa Stuck, München)

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