Fotokritik

Ohne Verlag

Posted in Uncategorized by JS on November 20, 2011

Es gibt wohl kaum einen Fotografen, der nicht ein Buch machen möchte, und dann noch eins. Entsprechend sieht’s aus auf den Schreibtischen der Verleger. Es gibt kaum einen Verlag, der alles, was er möchte, auch herstellen und vertreiben kann. Entsprechend hoch ist die Quote der nicht gedruckten Bücher. Dazu kommt, dass Verlage heute eher Sammelstellen für Druckkostenzuschüsse sind, die ihre Autoren häufig noch nicht einmal am Verkaufserlös beteiligen. Entsprechend blüht das Selbstverlegen. Dabei zeichnen sich zwei grundverschiedene Wege ab: so tun als ob oder ganz anders.
Eine Reihe von Autoren werden zu ihren eigenen Verlegern und tun exakt das, was ein Verlag auch tut (oder eben nicht). Ihre Produkte unterscheiden sich nicht vom bekannten Typus Buch. Für das „richtige“ Fotobuch sind mittlerweile Standards etabliert, die kaum noch zu steigern sind. Als Papier kommt nur das beste in Frage, die Repros sind prächtig, der Druck ist exzellent, und auch ordentliches Binden ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Ob diese Uniform wirklich für jede fotografische Arbeit adäquat ist, fragt kaum noch jemand. Es wird produziert, als ob man in einer Bibliothek nichts anderes sehen könnte als eine Leistungsschau der polygrafischen Industrie.
Die Alternative ist, die Standards der Fetisch-Produktion zu ignorieren und einfach das zu tun, was angemessen oder möglich ist. Wer nur ein kleines Budget hat, macht ein Low-Budget-Buch, und wer gar kein Budget hat, macht ein No-Budget-Buch. Die Frage lautet dann nicht mehr, ob das begehrte Buch gut oder nicht so gut gedruckt ist (eine sehr überschätzte Angelegenheit, nebenbei bemerkt), sondern ob es ein Buch gibt oder keins. Ein gutes Buch hält auch schlechten Druck aus.
Wie gerufen kamen in dieser Situation Digitaldruck und Print on Demand in die Welt. Wer auf große Auflage und das Etikett eines etablierten Verlags pfeift, kann heute sehr einfach und bezahlbar selbst verlegen. Für Kleinauflagen bieten sich Partner wie die Book Factory an, deren Druckqualität die anspruchsvoller Offsetdrucker häufig übertrifft. Und für alle, die lieber viele Bücher in Kleinstauflagen produzieren als eins in vielen Exemplaren oder Werke, die häufig aktualisiert werden oder alles, was sonst durchs Raster fällt, ist Print on Demand interessant. Das ist meine Welt. Ich arbeite mit dieser Technik seit mehreren Jahren und habe mich nach ausgiebigen Tests mehrerer Anbieter für Blurb entschieden; meine Erfahrungen sind also teils firmenspezifisch, teilweise sicher aber auch übertragbar.
Die Firma bietet eine (übersichtliche) Anzahl von Buchformaten und eine (ebenfalls übersichtliche) Anzahl von Papieren zur Auswahl, dazu ein Layout-Programm, das früher so bescheiden wie obligatorisch war und heute nicht mehr alternativlos, aber durchaus praktikabel ist. Im Rahmen dieser Möglichkeiten kann der Büchermacher selbstbestimmt wirken. Das Ergebnis der Mühewaltung wird online an die Firma übermittelt und bestellt. Auflage spielt dabei keine Rolle. Ein einziges Exemplar ist eine akzeptierte Bestellmenge (die häufigste), eine größere Anzahl reduziert den Stückpreis nur unwesentlich. Der Preis ist – verglichen mit dem Stückpreis eines traditionell hergestellten Buchs – relativ hoch. Dieser Nachteil ist mit dem nicht zu unterschätzenden Vorteil abzuwägen, dass nur die jeweils benötigte Menge zu bezahlen ist und nicht eine Auflage, von der häufig niemand weiß, ob sie Abnehmer finden wird.
Print-on-Demand-Angebote richten sich nicht primär an professionelle Bilder- und Büchermacher, es ist ein Massengeschäft. Hochzeitsalben, Babybücher, Reiseberichte etc. sorgen für Umsatz und setzen die Maßstäbe. Kunden, die außer einem Hochzeitsalbum und dem Straßen-Atlas des Automobilclubs kaum Bücher ihr eigen nennen, sind leicht zufriedenzustellen. Doch Blurb verspricht, Bücher in „bookstore-quality“ zu liefern, und da fangen die Probleme an. „Buchhandelsqualität“ ist ein schwammiges Versprechen, das billig zusammengeschusterte Massenware genauso meinen kann wie ein teures Coffee-Table-Objekt. Für anspruchsvolle Kundschaft, die mit dem Unterschied vertraut ist, sind enttäuschte Erwartungen programmiert. Wer von Blurb kein Steidl-Buch erwartet, hat’s schon einfacher.
Die unter Fotografen am weitesten verbreitete Anwendung ist wohl der Buch-Dummy. Print on Demand soll ein „richtiges“ Buch simulieren und die Zeit bis zu dessen Realisierung überbrücken. Es gibt aber eine ganze Reihe Büchermacher, die die Technik bevorzugt nutzen (und ihre Nachteile in Kauf nehmen), um unabhängig produzieren zu können. Wie Künstler in den Frühzeiten der konzeptionellen Fotografie die Nähe zur Technik der Knipser als Abgrenzung zur perfekten Oberfläche der professionellen Fotografie wählten, ist auch heute die Entscheidung für ein allgemein verfügbares und deutlich vom handwerklichen Standard des Gewerbes unterscheidbares Produkt nicht zwangsläufig Kompromiss, sondern bewusste Entscheidung für eine andere Ästhetik und für eine andere Ökonomie.
Die Macher können ihre Bücher nicht nur von Blurb herstellen lassen, die Firma bietet auch eine Verkaufsplattform, den sogenannten Bookstore. Gegenwärtig werden dort etwa 120.000 Bücher feilgeboten, von denen die meisten außer für ihre Urheber für kaum jemanden von Interesse sein dürften. Da der Laden allen Anbietern offen steht und das Angebot völlig unkuratiert ist, findet man dort mit derselben Wahrscheinlichkeit ein interessantes Buch wie im Altpapier einen Zwanzig-Euro-Schein. Es ist nicht ausgeschlossen, man braucht aber ein bißchen Zeit. Wer also seine Bücher über diese Plattform unter die Leute bringen möchte, ist gut beraten, potentielle Interessenten gezielt darauf hinzuweisen. Laufkundschaft lässt in diesem Laden wenig Geld.
Was Blurb – außer technischer Details – von anderen Print-on-Demand-Anbietern unterscheidet, ist ein gewisses Verständnis für Bedürfnisse, die jenseits des anspruchslosen Massenmarkts existieren. Dies manifestiert sich am offensichtlichsten im Photography-Book-Now-Award, einem der wenigen und hoch dotierten Preise für selbstverlegte Fotobücher. Dieser wird jährlich von einer prominent besetzten Jury vergeben und findet entsprechende Aufmerksamkeit. Dass nicht nur Bücher bewertet werden, die von Blurb gedruckt wurden, spricht für den Preis. Dass die Teilnahme kostenpflichtig und recht eigentlich betrachtet der Preis nur ein Umverteilen des von den Teilnehmern eingezahlten Gelds ist, erinnert uns daran, dass wir es nicht mit einer Institution der Kunstförderung zu tun haben, sondern mit einem äußerst effektiv auf Profit getrimmten Unternehmen.

Joachim Schmid
September 2011

Erschien in Photography Now 4.11

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