Fotokritik

President on Demand

Posted in Uncategorized by JS on Dezember 30, 2008

Die letzten Präsidentschaftwahlen in den USA sind nicht nur wegen des bekannten Ergebnisses in mehrfacher Hinsicht erinnerungswürdig. In keinem Wahlkampf zuvor spielte das Internet eine derart auschlaggebende Rolle. Barack Obama gilt als der erste Politiker, der vom Netz gewählt wurde. Allerlei Filme auf YouTube spielten dabei ebenso eine Rolle wie Fotos auf Flickr und Netzwerke wie Facebook. Obamas Wahlkampfmaschine verstand sich darauf, dieses Intrumentarium effektiv zu nutzen. Doch war keineswegs alles, was sich vor und nach der Wahl im Netz abspielte, von den Protagonisten initiiert.
Ein bemerkenswertes Beispiel für eine der peripheren Erscheinungen ist die Aktion A Message for Obama, eine nun als Buch vorliegende Sammlung von Amateurfotos. Kurz nach der Wahl gründete die Redaktion der englischen Tageszeitung The Guardian eine Flickr-Gruppe und forderte die Gemeinde auf, Mitteilungen an Obama auf fotografischem Weg zu übermitteln: „Write your message on a bit of paper … Take a picture … Add it to the group„. In kurzer Zeit kamen hunderte der gewünschten Bilder zusammen, Glückwünsche, Fragen, Ermahnungen, zustimmende und ablehnende Kommentare aus allen Teilen der Welt. Die Sammlung sowie die Kommentare zu vielen der Bilder erinnern uns daran, welche Anspannung vor der Wahl herrschte und wie euphorisch diese sich in der Wahlnacht entlud und gleichzeitig erlauben sie uns einen Einblick in eine heute praktizierte Form von öffentlicher Meinungsbildung. Wie nicht anders zu erwarten, ist dabei kaum eines der Fotos als Bild sonderlich bemerkenswert. Die Fotos dienen als Übermittler von Geschriebenem, und nur am fotografierten Text beziehungsweise an der Position oder Meinung der jeweiligen Telnehmer entzündete sich die Diskussion.
Ohne die Kommentare erschien wenige Wochen nach Beginn der Aktion eine Auswahl von etwa 150 Bildern als Buch. Auch dieser Auswahl ist noch etwas vom psychischen Drama der Wahl, von der politischen Brisanz und der kollektiven Freude anzumerken, doch bekommen die Fotos im Druck eine gewisse Ernsthaftigkeit, die ihrer Entstehungsgeschichte so wenig angemessen ist wie ihrer fotografischen Qualität. Im Strom des Internets sind die Fotos kleine Partikel, die mit anderen Partikeln zu einer Art Sozial-Kitt verschmelzen. Das funktioniert, aber eben nur als Kitt. Im Buch sind die Bilder aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst, statt allerlei Kommentaren steht neben den Bildern hier eine Autorenkennzeichnung. Die Gruppe wird wieder individualisiert, statt unter ihrem Flickr-Alias begegnen uns die Partikel jetzt mit Namen und Wohnort der Macher.
Als Buch reklamiert die Sammlung eine andere Aufmerksamkeit. Das Buch mag von großem Interesse sein für alle, die selbst ein Foto beisteuerten, für alle anderen beschränkt sich das Interesse auf die Art der Herstellung. Der verlegerische „Schnellschuss“ aus historischem Anlass hat hier eine neue Qualität erfahren. Waren früher für solche Produkte noch große Apparate nötig, sind sie heute mit geringem Aufwand machbar. Den Inhalt liefert das Publikum kostenfrei über Nacht ins Haus, mittels moderner Technik lässt sich daraus ohne großen Aufwand ein Buch zurechtschneidern, und gedruckt wird entsprechend der Nachfrage auf Bestellung. Das Buch ist auschließlich bei Blurb erhältlich.
Im selben „Verlag“ erschien On November 4th, 2008, I transcribed the following Facebook status updates within the first two hours of Senator Barack Obama’s predicted victory as the next President of the United States of America von Erik Benjamins – ein höchst ungewöhnliches Buch, wie es wohl kaum ein Verleger jemals herstellen würde. Bereits der völlig jenseits jeder merkantilen Spekulation gewählte Titel des Buchs verrät eigentlich alles, was wir über das Buch wissen müssen. Es versammelt auf 138 Seiten kurze, anonyme, meist nur einzeilige Statements, die – vermutlich ausschließlich amerikanische – Facebook-Nutzer kurz nach Bekanntgabe von Obamas Wahlsieg in ihren Status-Anzeigen veröffentlichten (für Facebook-Unkundige: das sind häufig wechselnde Kurzbeschreibungen der gegenwärtigen Beschäftigung oder Befindlichkeit des jeweiligen Nutzers). Außer diesen Statements enthält das Buch nichts, nicht einmal ein Impressum.
Es ist dies zunächst einmal ein höchst verschwenderisches Buch, auf jeder Seite steht nur ein Satz und manchmal sogar weniger als das. Doch ist dieser verschwenderische Umgang mit dem Papier dem Ereignis durchaus angemessen, er spiegelt die Intensität des Moments, und dies begründet wohl auch, warum ein Buch entstand und keine weitere Website. Die in zwei Stunden zusammengetragene und unkommentiert präsentierte Sammlung ist eine Momentaufnahme eines Teils des Internets, und zwar eines jener Teile, in dem sich Menschen tummeln, die mehrheitlich zu Obamas Wählern gehören. In den aktuell veränderten Statuszeilen wurde ablesbar, welcher Druck sich vor der Wahl aufgestaut hatte und wie dieser hier eines seiner Ventile fand. Die Mehrheit der zitierten Äußerungen ist enthusiastisch, aber auch hier werden Obama-kritische Positionen nicht unterschlagen. In der Summe ergibt das ein höchst aufschlussreiches Dokument des emotional aufgeheizten Wahlabends, wobei – das ist ein recht interessanter Neben-Aspekt – die Sammlung auch die Frage aufwirft, ob die zitierten Äußerungen, in denen sich Umgangssprache mit Jugend- und Internet-Slang mischt, für irgend jemanden in Zukunft überhaupt noch verständlich sein werden. Es stellt sich somit die Frage, wieviel wir überhaupt über eine Zeit und eine Situation bereits wissen müssen, um ein Dokument halbwegs sinnvoll entschlüsseln zu können.
Beide hier kurz vorgestellten Bücher sind jedoch nicht nur bemerkenswert als Reaktionen auf die politische Enscheidung, sie markieren zugleich einen gravierenden Wandel der Kulturproduktion. In beiden Büchern ist der Inhalt nicht Ergebnis von Autoren-Arbeit, sondern zusammengetragenes Kollektiv-Schaffen. Die Fotos mit Mitteilungen für den zukünftigen Präsidenten stammen von Menschen, die sich wohl kaum als Fotografen verstehen, nicht als Künstler, nicht als Journalisten, nicht als Autoren. Doch produzieren sie, und sie produzieren mehr als die unendliche Wiederholung des bekannten Familienalbum-Repertoires. Ihre Produktion wird zumindest teilweise öffentlich, und wer sich auf Seiten wie Flickr umsieht, kann sie in all ihren Facetten entdecken.
Bei den in dem Buch mit dem langen Titel versammelten Äußerungen verhält es sich ganz ähnlich. Wohl kaum einer der Verfasser wird sich als Angehöriger der schreibenden Zunft verstehen und jede einzelne Äußerung ist eine eher beiläufige Winzigkeit. Zusammen sind sie mehr. Neu daran ist, dass sich diese kollektive Produktion in einer global einsehbaren Erweiterung des öffentlichen Raums abspielt. Wer bezweifelt, dass diese Winzigkeiten zusammenzutragen Sinn ergibt, möge sich vorstellen, wir hätten heute Zugang zu einem Buch, das unzensiert das komplette Geschwätz aus einem deutschen Wirtshaus am Abend nach der Machtübernahme vor 75 Jahren dokumentierte.
Mindestens so interessant wie der Inhalt ist die Produktionsweise dieser Bücher. Sie sind beide Print-on-demand-Produkte, d.h. sie werden für jeden einzelnen Käufer auf Bestellung gedruckt und nicht im Buchhandel vorrätig gehalten. Diese Technik ermöglicht potentiell jedem, ohne nennenswerte finanzielle Vorleistungen ein Buch zu veröffentlichen, da das Risiko, auf tausenden unverkaufter Exemplare sitzenzubleiben, entfällt. Das Modell, ursprünglich für Baby- und Hochzeitsalben in Kleinauflage entwickelt, findet nun Anwendung in allerlei Sparten, vom Musterbuch für den Schuhvertreter bis zum Künstlerbuch. Wer früher ein Buch machen wollte, musste entweder mit einem Profit versprechenden Vorschlag bei einem Verlag vorsprechen oder hoffen, auf einen Verleger zu stoßen, der verrückt genug war, auch ohne Aussicht auf schnellen Gewinn in das Buch zu investieren, oder sich damit abfinden, dass es eben beim Wollen bleibt. Print on demand erweitert das Spektrum der Möglichkeiten. Es werden nun Bücher gedruckt, von denen niemand erwartet, schnell ein paar tausend Exemplare zu verkaufen. Es entstehen sogar Bücher, von denen niemand erwartet, auch nur ein paar Dutzend Exemplare zu verkaufen. Sie entstehen aus Überzeugung, aus Leidenschaft, aus Jux und Tollerei. Manche von ihnen sind großartig. Print on demand wird das Geschäft der Verlage kaum beeinträchtigen, aber das Modell wird die Idee des Verlegens gründlich verändern.
In diesem Zusamenhang möchte ich mir erlauben, auf eines meiner eigenen Bücher hinzuweisen: November 5th, 2008 aus der Reihe Other People’s Photographs. In dieser Buchserie veröffentliche ich auf Flickr gefundene Bilder in einer tendenziell endlosen Reihe thematisch definierter Einzelbände, die zusammen eine enzyklopädische Bibliothek der gegenwärtigen Alltagsfotografie ergeben. Der Band November 5th, 2008 versammelt Fotos, die die Titelseiten internationaler Tageszeitungen vom Tag nach der Wahl zeigen, in mehrfacher Hinsicht interessante Trophäen.

Joachim Schmid
Dezember 2008

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